Ein Berufstitel sagt noch nicht, wie ein Arbeitstag aussieht
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„Was möchten Sie denn stattdessen machen?“
„Genau das weiß ich nicht.“
Die Szene ist nicht ungewöhnlich. Wer sich beruflich neu orientiert, kann über die bisherige Arbeit bereits erstaunlich viel wissen – und trotzdem keine Antwort auf die Frage nach dem nächsten Beruf haben.
Oft ist ziemlich klar, was auf keinen Fall wieder passieren soll. Welche Aufgaben gefehlt haben. Was überraschend gut funktioniert hat. Und wann zwei Stunden vergingen, ohne dass jemand auf die Uhr schaute.
Nur ergibt sich daraus noch kein Berufstitel.
Für eine Stellensuche braucht es aber irgendwann Namen.
Projektmanager. Sachbearbeiterin. Sozialpädagoge. Personalentwicklerin. Irgendetwas, das man in ein Suchfeld eingeben kann.
Also beginnt man mit Berufsbezeichnungen. Man liest Stellenanzeigen, verwirft einige und speichert andere. Aus einem diffusen „Ich möchte etwas anderes“ werden mögliche Richtungen.
Das fühlt sich nach Fortschritt an.
Bis man genauer hinsieht.
Was steckt eigentlich hinter dem Berufstitel?
„Projektmanagement klingt interessant.“
„Was daran?“
Entwickeln. Probleme lösen. Unterschiedliche Dinge zusammenbringen.
„Und die vielen Abstimmungen?“
„Eher nicht.“
Damit beginnt der Titel auseinanderzufallen.
Denn „Projektmanagement“ kann sehr unterschiedliche Arbeitstage bezeichnen. In dem einen koordiniert jemand Termine, sitzt in Besprechungen und macht freundlich deutlich, dass Dienstag auch wirklich Dienstag bedeutet.
Im anderen werden Konzepte entwickelt, Probleme zerlegt, Entscheidungen vorbereitet und gelegentlich Menschen zusammengebracht, die bis dahin mit bemerkenswerter Konsequenz aneinander vorbeigeredet haben.
Auf beiden Visitenkarten könnte dasselbe stehen.
Die Arbeit dahinter ist trotzdem eine andere.
Ähnlich ist es mit „Arbeit mit Menschen“. Das kann ein längeres Gespräch mit einer Person bedeuten. Oder dreißig kurze Kontakte an einem Vormittag.
Der Begriff sagt etwas.
Nur nicht genug.
Deshalb wird eine andere Frage interessanter:
Was soll an einem gewöhnlichen Dienstag eigentlich passieren?
Nicht an einem perfekten Dienstag.
An einem ganz gewöhnlichen.
Der gewöhnliche Dienstag
Was liegt auf dem Tisch? Woran wird konzentriert gearbeitet? Wie häufig wird unterbrochen? Wann braucht es Austausch?
„Ich arbeite schon gern mit anderen zusammen.“
„Also viel Abstimmung?“
„Nein. So auch wieder nicht.“
Gerade schien etwas klar zu sein. Jetzt muss es wieder genauer werden.
Zusammenarbeit kann bedeuten, gemeinsam ein schwieriges Problem zu lösen. Oder sich abzustimmen und danach selbstständig weiterzuarbeiten.
Die gleiche Aufgabe kann deshalb unter unterschiedlichen Bedingungen völlig anders funktionieren.
Eine Tätigkeit, die an einer Stelle mühsam war, kann anderswo erstaunlich gut passen. Vielleicht gibt es dort mehr Handlungsspielraum. Weniger Unterbrechungen. Oder am Ende des Tages ist schlicht erkennbar, was aus der eigenen Arbeit geworden ist.
Aus
„Das liegt mir nicht.“
wird dann:
„Unter diesen Bedingungen hat es für mich nicht funktioniert.“
Damit wird aus einer vermeintlichen Eigenschaft eine Erfahrung, die sich genauer betrachten lässt.
„Dann wäre Projektarbeit also richtig. Nur nicht ständig in Meetings.“
Kurze Pause.
„Aber ganz allein möchte ich auch nicht arbeiten.“
Also noch einmal.
Projektarbeit. Eigener Gestaltungsspielraum. Austausch mit anderen. Aber nicht den ganzen Tag Abstimmung. Probleme lösen. Etwas entwickeln.
Langsam entsteht ein Bild.
Nur sieht es noch immer nicht nach einer Berufsbezeichnung aus.
Und wie heißt dieser Beruf jetzt?
An dieser Stelle liegt eine weitere Annahme nahe: Wenn wir nur genau genug hinschauen, müsste irgendwann der passende Beruf auftauchen.
Das muss nicht passieren.
„Unter welcher Berufsbezeichnung suchen wir jetzt danach?“
Darauf gibt es manchmal keine gute Antwort.
Die gesuchte Kombination kann sich in mehreren Berufen finden. Oder unter einer Stellenbezeichnung, auf die bisher niemand gekommen wäre.
Und manchmal gibt es die passende Stelle in dieser Form noch gar nicht.
Dann verändert sich die Frage.
Nicht mehr nur:
Was passt zu mir?
Sondern auch:
Wo wird diese Art von Arbeit gebraucht?
Damit trifft das eigene Bild wieder auf die Arbeitswelt.
Denn eine Arbeit passt nicht nur dann, wenn jemand sie gern macht. Jemand muss sie auch brauchen.
Eine Initiativbewerbung kann deshalb interessant werden, wenn eine Organisation Aufgaben hat, die genau zu dieser Kombination passen, dafür aber gerade keine Stelle ausgeschrieben ist.
Und manchmal führt dieselbe Überlegung weiter zur Selbstständigkeit.
Beides macht die Prüfung an der Wirklichkeit nicht überflüssig. Im Gegenteil.
Gibt es dafür tatsächlich Bedarf?
Welches Problem wird damit gelöst?
Erst an solchen Fragen zeigt sich, ob aus einer interessanten Vorstellung auch eine tragfähige berufliche Möglichkeit werden kann.
Der Berufstitel darf zurückkommen
Damit sind wir wieder bei der ersten Frage:
„Was möchten Sie denn stattdessen machen?“
Darauf muss nicht sofort ein Berufsname folgen.
Vielleicht kann jemand zunächst viel genauer sagen, welche Aufgaben wichtig sind. Wie Zusammenarbeit aussehen sollte. Was Gestaltungsspielraum bedeutet. Welche Arbeitsbedingungen funktionieren – und was an einem gewöhnlichen Dienstag passieren soll.
Das ist noch keine Stelle.
Aber es ist deutlich mehr als „irgendetwas anderes“.
Der Berufstitel darf später wiederkommen.
Als Suchbegriff. Als Türöffner. Als gemeinsame Sprache mit dem Arbeitsmarkt.
Manchmal passt einer erstaunlich gut.
Manchmal mehrere.
Und manchmal beginnt die eigentliche Suche dort, wo keiner davon so richtig passt.